Jurybegründungen 2011
Beste Inszenierung
Der Tod und die Kinder
Von: Martin Bauch
Regie: Sebastian Hocke
Schnitt und Ton: Andrej Tschitschil
SprecherInnen: Annika Ernst, Tim Oliver Schultz, Anne Müller
Produktion: Sebastian Hocke und Andrej Tschitschil 2010
Dieses Hörspiel ist ein Kammerstück mit drei Handelnden. Die Kammer – ein Polizeirevier. Die Handelnden: Zwei Sprechstimmen, aufgenommen beim Verhör. Dazu die Stimme vom Band: Ein Beweismittel. Es ist die Stimme einer Frau, die ein Videotagebuch führte. Chaotisch, verzweifelt, bedrückend, Diese Frau lebt nicht mehr. Sie hat sich selbst verbrannt. Folge eines Traumas und eines Schuldgefühls, in das die beiden Verhörten verstrickt sind.
Die Geschichte führt uns an die Epochenwende von 1989/90 und in die Situation großer Verunsicherung. In eine Zeit, als die drei Protagonisten Kinder waren, eng beisammen und beseelt vom Wunsch, wie ihre christlich geprägten Eltern Widerstand zu leisten gegen „die da“, gegen das System DDR. Als sich die Gelegenheit dazu ergibt, nimmt die Tragödie ihren Lauf. Die gute Tat voller kindlicher Revolutionsromantik führt in die Katastrophe. Ahnungsloses Vertrauen wird missbraucht, gut gemeinte Zivilcourage kippt in Resignation, Depression und Autoaggression.
Die Glaubwürdigkeit der Figuren und der dem Drama zugrundeliegenden Geschichte wurden in der Jury durchaus kontrovers diskutiert. Was aber die Inszenierung betrifft, waren sich alle einig: Das aus fiktiven Verhörsplittern und dem scheinbar dokumentarischen Beweismaterial des Videobandes angelegte Puzzle ist atmosphärisch dicht und spannend. Durch sparsamen Gebrauch minimalistisch angelegter Mittel und die geglückte Mikrofonierung im Raum werden die Schauspieler dabei unterstützt, ihr Spektrum an Möglichkeiten zu entfalten: Von Wut und Verzweiflung bis Erkenntnis und Sentimentalität – vor allem die beiden weiblichen Darsteller glänzen in ihren Rollen. Sie geben der Generation der „Wendekinder“ einen authentischen Klang. Hervorragend auch die Montagetechnik, die zeitlich weit auseinander liegende Ebenen der Geschichte schlüssig verbindet, geschickt falsche Fährten legt und doch die offenen Enden der Erzählfäden wieder bindet. Und auch die mögliche Kritik an der Schwere des Themas und der „typisch deutschen Schulddebatte“ erweist sich beim genauen Hinhören als Stärke des Stückes – stellt es doch auf ziemlich unausweichliche Weise Fragen nach Werten.
Die Jury verleiht dem Hörspiel „Der Tod und die Kinder“ den Preis für die „Beste Inszenierung“.
Beste Idee
Irgendwann kriegen wir euch alle
von: Christof Pilsl und Stefanie Heim, nach einer Idee von Andreas Feddersen
Regie: Christof Pilsl, Assistenz: Katrin Beckmann
Schnitt und Ton: Endrik Peuker
SprecherInnen: Stefan Wey, Felix Sattler, Ute Wiekhorst, Daniel Schulz, Erika Thomalla, Herbert Dudzik, Fabian Russ und Stefanie Heim
Produktion: Bauhausuniversität Weimar 2009
Pimp up your identity, upgrade deine Persönlichkeit, entwirf dich selbst und zahle mit credit-points. Und wenn du keine Träume mehr hast, gibt es auch dafür den entsprechenden technischen Support.
Die Autoren entführen uns in eine Zukunft, in der die Menschen „vielleicht bekommen, was sie wollen, aber nicht, was sie brauchen“. Sie entwerfen auf irritierende Weise Bilder sich dabei verlierender Individuen, die die Geister, die sie riefen, nicht mehr los werden. In zwei atmosphärisch sehr unterschiedlichen Parallelgeschichten werden die Möglichkeiten und Bedingungen, Individuum zu sein und zu bleiben, ad absurdum geführt.
Das Hörspiel besticht durch die überraschende Umsetzung der Idee. Die beiden Erzählstränge werden durch geschickte Montage ebenso gebrochen wie die möglichen Erwartungen des Hörers. Was als Comedy beginnt, entpuppt sich sehr bald als einziges Schreckensszenario. Dabei offenbaren sich die Handlungen als zwei Seiten derselben Medaille: der Diskurs, den sie thematisieren, beinhaltet den Verlust der eigenen Identität durch selbst erzeugte, aber unbeherrschbare Fremdbestimmung. Darüber schwebend zeigt sich ein höchst amüsierter Gott: dass sich die Menschen auf diese Art auslöschen, hätte vermutlich nicht einmal er erwartet.
Die Jury verleiht dem Hörspiel „Irgendwann kriegen wir euch alle“ den Preis für die „Beste Idee“.
Beste Montage
Kennst du schon Ken?
Von: Simon Kamphans und Matthias Lang
Regie und Ton: Simon Kamphans und Matthias Lang
Schnitt: Simon Kamphans
SprecherInnen: Daniel Printz, Jonas Baeck, Diana Klose, Simon Mehlich, Anna-Sophia Lumpe, Steven Reinert, Benedikt Hahn, Ise Papendorf, Thomas Ficker, Sandra Doll, Ria Weber, Daniela Ziemann, Cornelius Kämmerling, Alexander Pelzer, Felix Schledde und Augusto Stahlke.
Produktion: Simon Kamphans, Matthias Lang 2010
Dass Freunde in sozialen Netzwerken nicht zwangsläufig unsere wirklichen Freunde sein müssen, mit denen wir uns am Abend gern auf ein Bier treffen, ist längst bekannt. So ist das auch mit Ken. Wer er ist, weiß eigentlich niemand so genau, aber jeder will mit ihm befreundet sein. Fast eine Milliarde MyBook-User umfasst sein Freundeskreis, der täglich posted, kommentiert und sein Gefallen bekundet.
Diese Kommunikation haben die beiden Hörspielmacher Simon Kamphans und Matthias Lang sehr gut in das akustische Medium transferiert. Durch die Verwendung der verkürzten Chat- und Sms-Sprache arrangierten die Hörspielmacher ein durch und durch rhythmisiertes Stück, dessen verschiedene Informations- und Klangebenen sich über- und ineinander verschieben. Dabei lässt das Stück durch Überlagerung und Gleichzeitigkeit einen dichten Raum entstehen, der real nicht existent ist.
Einziger Kritikpunkt der Jury an dieser sehr gelungenen Arbeit ist das abrupte Ende des Stückes. Der Spannungsverlauf wird hier lediglich über die Intensivierung der unter der Sprache liegenden Musik vorangetrieben. Sehr gut gelöst ist jedoch die Umsetzung der körperlichen, weil stimmlichen Präsenz der community, die zum einen als Dialogpartner, zum anderen chorisch eingesetzt wird. Humorvoll und gekonnt werden die Zeichen der digitalen Schriftsprache verklanglicht.
Die Jury verleiht Simon Kamphans und Matthias Lang für „Kennst du schon Ken?“ den Preis in der
Kategorie „Beste Montage“.
Lobende Erwähnungen
Moordunkel
von Michael Ende
Regie, Schnitt, Ton, Sprecherin: Maria Antonia Schmidt
Produktion: Bauhaus Uni Weimar 2010
Den sehr gelungenen musikalischen Umgang mit einer literarischen Textvorlage soll die lobende Erwähnung für „Moordunkel“ honorieren. Die auditive Adaption der surrealistischen Kurzgeschichte von Michael Ende (Originaltitel: „Moordunkel ist das Gesicht der Mutter“) beeindruckt durch ihren eindringlichen Rhythmus, der behutsam die sprachlichen Wiederholungsmuster Endes aufgreift und sie mit verstörenden Geräuschen und simplen Melodien zu einer sinnlichen Komposition verwebt. Die sanfte Stimme der Erzählerin und die zarte Melancholie der Musik zerfließt mit dem Schmatzen, Dröhnen und Kreischen einer Welt, die stoisch ihre immer gleichen Umlaufbahnen verfolgt. Gebären, Schlachten, Fressen, Trinken, Sterben. In präzisen Klangfarben kann „Moordunkel“ die ursprüngliche Grausamkeit der ewigen Wiederkunft, die in Michael Endes Sprache zu finden ist, abbilden.
Quotenkönig
von Andreas Kubitza
Regie, Schnitt, Ton: Andreas Kubitza
SprecherInnen: Marie Baumann, Jörg Friedrich, Andreas Kubitza, Mathias Kubitza
Produktion: Andreas Kubitza, Radio F.R.E.I. Erfurt 2011
Die geplante Live-Übertragung einer “Wetten, dass…” – Show versetzt ganz Erfurt in Alarmbereitschaft. Die Medienmaschine rollt an, die Wetten stehen, an Tickets heranzukommen, ist fast unmöglich. Ein ungeheurer finanzieller und organisatorischer Aufwand wird betrieben, um den im Vorfeld geschürten hohen Erwartungen an “Europas erfolgreichste Samstagabend-Show” gerecht zu werden.
“Quotenkönig” ist eine intelligente, in kunstvoller Schnitttechnik aus O-Tönen und Presseberichten montierte Kritik am Medienspektakel und den damit verbundenen komplexen Verflechtungen von Showbusiness, Politik und Standortwerbung. Seine Schärfe bezieht das Stück aus der Stimmung und den Stimmen der Erfurter Bevölkerung, die das bombastische Geschehen in schnell wechselnden Statements begleitend kommentieren. Thomas Gottschalk selbst tritt nicht ein einziges Mal akustisch in Erscheinung, stattdessen wird die Fassade seines riesigen Showapparats beleuchtet.
Mit dieser entlarvenden und humorvollen Collage markiert Andreas Kubitza zugleich das Ende der Ära “Gottschalk” bei “Wetten, dass…”, das durch den tragischen Unfall eines Wettkandidaten im Dezember 2010 eingeläutet wurde.
Was kommt
von Daniel Wild
Regie: Daniel Wild
Ton und Schnitt: Sabine Gorny
SprecherInnen: Julia Lowack, Matthias Weidenhöfer, Vanessa Butz, Dieter Berner
Produktion: HFF Potsdam 2010
Daniel Wilds Geschichte über den verhinderten Schriftsteller Prock, dessen eintöniges Leben durch die Ankunft einer Comic-Ente verändert wird, ist ein modernes Märchen, das leichtfüßig und humorvoll mit den Klischees des Genres spielt. Neben den geistreichen Dialogen (“Du erkennst mich am Schuhschrank auf meinem Rücken”) bestechen vor allem die charmant gezeichneten, mit guten Sprechern besetzten Charaktere. Das lebendige Klangbild fängt Prock’s zwischen Realität und Traum oszillierende Wahrnehmung sehr plastisch ein und wird gerade dann besonders reizvoll, wenn die Geräusche aus ihrer naturalistischen Schablone heraustreten und rhythmisch durchs Szenario hüpfen. Davon wünscht man sich mehr im deutschen Hörspiel, zumindest, wenn nicht ständig eine Ente dazwischenquasselt.