15. Leipziger Hörspielsommer
im Richard-Wagner-Hain Leipzig

7. bis 16. Juli 2017

Rezension: Revolte der Phantasie

Das Radiokunstfestival in Halle – Mixtur radiophoner Erfahrungen und Erkenntnisse

von Hannah Heger

Die Radio Revolten haben sich mit allen Äthern gewaschen und vor den Mikrophonen landen längst nicht nur Münder. Die elektromagnetischen Wellen des Festivals durchströmen Halle und von dort die ganze Welt, denn es geht international zu im Radio Revolten Klub in der Rathausstraße 3. Dort befindet sich 31 Tage des Oktobers das Zentrum der Radiokunst und ein Sendestudio, das auf UKW 99,3 MHz, Mittelwelle 1575 kHZ und im Livestream 744 Stunden radiophone Wellen schlägt. Hörbar für alle, die es nicht zu den Live-Performances schaffen, lieber zu Hause hören, sich für Interviews mit den zahlreichen Kunstschaffenden interessieren und fernab von Mainstream und Bürger*innenradio gute Gehörgangsfüllung suchen.

„first there was the signal“ sagt Anna Friz, die Radiokünstlerin und Mit-Kuratorin des Festivals. In ihrer bewegenden Eröffnungsrede teilt sie ihre Begeisterung für die Radiokunst: alles beginne mit den Hörenden, denn ein Klang sei nur, wenn er gehört wird. Die Bedeutung von Distanz und Raum verliere sich im Radio, weil Sound und Stimme Entfernungen überwinden. Sender und Empfangsgerät ermöglichen grenzüberschreitende Hörweite und Kommunikation. Radio kenne keine Grenzen – weder im räumlichen noch im kreativen Sinne. Der Freiheitsgedanke schwingt beim Festival Radio Revolten, das von der Initiative für freies Radio CORAX e.V. veranstaltetet wird, nicht nur mit, sondern ist eindrücklich hör- und sichtbar. Auch führt er zur Antwort auf die Frage, was Radiokunst eigentlich ist – eine Kunst mit anarchisch-ästhetischen Elementen mit und für Radio. Die fünf Kurator*innen beschreiben es so: „Radiokunst [ˈʀaːdi̯okʊnst] (n, f) passiert, wenn das Radio zu viel Kunst getrunken oder die Kunst zu viele Radios geschluckt hat.“ In lesenswerten Texten auf der Homepage erklären sie ihre individuellen Ideen und Überzeugungen von Radiokunst genau. Auch ein Blick ins Radiomanifest lohnt sich.

Nicht nur für ihre Eröffnung bespielen die Radio Revolten sogar die Kirchen der Stadt Halle. Neben der Ulrichskriche wird die Moritzkirche an einem Abend akustisch und visuell ganz besonders erlebbar. In einer Live-Performance bringen Joakim Forsgren, Leif Elggren und der Organist Hampus Lindwall Werke von Bach und Händel zum erklingen. Der raumfüllende Sound hat allerdings nicht viel mit traditioneller Kirchenmusik gemein, eher entsteht eine eindringliche minimalistische Klangkulisse, die in der großen Halle eine unter die Haut gehende Intensität produziert. Hierzu passen die Aufnahmen eines Tonbandstimmenforschers, dessen Zeugnisse einer interessanten und durchaus mysteriösen Erforschung von Stimmen aus dem Jenseits im Schaufenster der Kulturstiftung des Bundes am Franckeplatz ausgestellt sind.

Live geht es vor allem im Radio Revolten Klub zu. Fast täglich präsentieren, experimentieren und kreieren Künstler*innen hier teils abstrakte, minimalistische und skurrile Hör- und Seherlebnisse auf der Bühne. Rezipiert man den Abend mit dem heimischen Kofferradio, fragt man sich zu Weilen wie die Szenerie vor Ort wohl aussieht. Beispielhaft für die ungewöhnliche Stimm- und Geräuschlandschaft war „Minigolf“, das Alessandro Bosetti mit den neuen Vocalsolisten und Anne-Laure Pigachem teils in Interaktion mit dem Publikum in einem rasanten Stimm- und Sprachspiel aufführten.

Neben den Live-Perfomances ist in den Klub-Räumen die Ausstellung „Das Große Rauschen: The Metamorphosis of Radio“ zu bestaunen, bei der zwölf internationale Künstler*innen ihre technisch-versierten Installationen ausstellen. Die Funktionalität des Radiogeräts selbst wird hier zum Motiv. Gespielt wird mit den Funktionen Funken, Senden, Empfangen und dem elektromagnetischen Dazwischen. Es kommunizieren Babyphones miteinander, werden Heizkörper zu Klangkörpern von sonst unhörbaren Radiofrequenzen oder es fungiert ein Nato-Stacheldraht als Antenne und stellt so nationale und andere Grenzen in Frage. Das Werk „The Hum“ von Dinahbird und Jean Philippe Renoult collagiert in einer 360° Installation ‚das Brummen‘, das viele Menschen aus stillen Nächten kennen.

Auch der öffentliche Raum Halles bleibt bei den Radiorevolten nicht unberührt. Verschiedene Interventionen wie das Erste deutsche Stromorchester von Rochus Aust oder Tanz aller von und mit der Performance-Gruppe LIGNA gestalten den Stadtraum zum gemeinen Experimentierfeld. Auch der Radiomacher Marold Langer-Philippsen sendet täglich 17 Uhr von den Halleschen Hausmannstürmen das „Orakelradio“, bei dem vor allem die hohe Gesprächskunst zelebriert wird. Und die Sound-Installationen von Peter Courtemanche und Hartmut Geerken im Botanischen Garten bereichern den floralen Spaziergang der Besucher*innen wirklich im Sinne aller Sinne.

Für die inhaltliche Auseinandersetzungen mit der Radiogeschichte, der Radiokunst, den politischen Dimensionen und der Zukunft von Radio sorgen verschiedene Talks, Konferenzen und die sehenswerte Ausstellung „Unsichtbare Wellen“ im Stadtmuseum. In der Ausstellung wird eindrücklich erfahrbar, was z.B. ein Kathodophon ist oder warum die Entstehungsgeschichte des Radios auch mit der politischen Geschichte Halles zusammenhängt. Natürlich gibts es in den Ausstellungsräumen nicht nur viel zu lesen und zu sehen. Lauschen kann man zum Beispiel verschiedenen Interviews mit „Radiopiraten“ aus der DDR am original Sonett-Tonbandgerät oder der eigenen Stimme durch Kopfhörer aus dem Jahr 1918. Gesprochen werden darf durch ein fast hundert Jahre altes Mikrophon. Darüber hinaus finden zum Mitmachen auch einige Workshops statt.

Ein abschließender Blick in das Programm eröffnet das enorme Volumen des Festivals. Deutlich wird, dass es wohl kaum ein vergleichbares Event dieser Art gibt. Ein enormes Aufgebot von Kreativität, Radioliebe und Technik-Frickelei zeigt das einmalige Festival unter der Künstlerischen Leitung von Knut Aufermann. Die Korrespondenz mit dem Halleschen Werkleitz-Festival Trans-Positionen verleiht den Radio Revolten darüber hinaus unter Medienkunstkenner*innen eine große Reichweite. Erwähnenswert ist, dass das zum zweiten Mal stattfindende Radiokunstfestival (erstmals 2006) von der Stadt Halle mitveranstaltet und u.a. von hier ansässigen Kulturstiftung des Bundes und der Medienanstalt Sachsen-Anhalt (MSA) sowie vielen anderen Unterstützer*innen gefördert wird. Es ist als ein durchaus positives Signal für die Medien- und Kulturszene Halles zu sehen, dass diese 31-tägige Radioperformance in der Stadt möglich ist.

Halte dir für einen kurzen Moment die Ohren zu, nimm das stille Rauschen wahr und zieh los in die Klangwelt der Revolte! Ein Besuch in den verbleibenden Tagen lohnt sich. Und selbst wenn das ein oder andere Kunstwerk ungreifbar oder unverständlich wirkt – lass dich drauf ein und überrasche ihre Hörgewohnheiten! Mach dich frei, der Eintritt ist es auch (fast immer).

(Fotos von der Autorin)